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Gekommen,um zu gründen

Diesen Artikel über Cetin Sahin zum Thema Existenzgründung finden Sie auch unter www.DIE ZEIT.de vom 07.02.2008, Ausgabe Nr. 07

Migranten wagen den Schritt in die Selbstständigkeit eher als die Deutschen – allerdings oft aus der Not heraus.

Frau Aydin hat Großes vor: Sie will ein Zentrum für Seniorentagespflege eröffnen, mit 36 Pflegeplätzen, mehreren Angestellten und ihr selbst als Chefin. Nächstes Jahr soll gebaut werden. Ein Grundstück im Osten von Hamburg hat sie in Aussicht, die Bank hat einen Kredit von anderthalb Millionen Euro bewilligt. Gülcan Aydin sitzt in ihrem Wohnzimmer, trinkt Kaffee und sprengt ein Klischee. Um sie herum, auf Kommoden und Spitzendeckchen, viele Fotos von einer großen Familie. Frau Aydin ist 44, Türkin, Mutter, gelernte Krankenschwester. Jetzt will sie sich mit einer Millionensumme selbstständig machen. Ihr Mann unterstützt sie, die zwei Söhne sind stolz – ihr Großer gebe manchmal an mit seiner Mutter, der »Geschäftsfrau«, erzählt sie.

Gülcan Aydin ist eine Ausnahme, aber Teil einer wachsenden Gruppe: Immer mehr Migranten, derzeit rund 566.000, wählen den Weg in die Selbstständigkeit – ihre Gründerquote ist höher als die der Deutschen. Jeder zehnte Existenzgründer ist laut einer Studie der KfW-Bankengruppe ausländischer Herkunft, die meisten mit türkischen Wurzeln. Noch ist der Anteil der Selbstständigen unter den Migranten mit 9,7 Prozent niedriger als bei Deutschen ohne Migrationshintergrund, wo er nach einer Berechnung des Instituts für Mittelstandsforschung in Mannheim (ifm Mannheim) bei 11,5 Prozent liegt. Aber er steigt stetig und rasch – bei den Türkischstämmigen hat er sich seit 1991 fast verdoppelt.

Menschen mit Migrationshintergrund – also Ausländer und deutsche Staatsbürger anderer Herkunft – gründen anders als Deutsche, sagen Forscher: schneller, kompromissloser, aus anderen Motiven – aus Prestigegründen oder schlicht aus Not. Und in der sogenannten ethnischen Ökonomie steckt ein großes wirtschaftliches Potenzial: Laut einer Studie des Zentrums für Türkeistudien in Essen erwirtschaften allein die türkischen Selbstständigen pro Jahr einen Umsatz von mehr als 30 Milliarden Euro. Laut dem Bericht der Bundesregierung über die Lage der Ausländer in Deutschland haben Selbstständige mit Migrationshintergrund hierzulande rund zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen – jeder 20. Arbeitnehmer arbeitet in einem solchen Unternehmen. Darin verbirgt sich ein erhebliches Integrationspotenzial: Wer ein Geschäft gründet, bleibt in Deutschland, ist Vorbild und wird zum Vermittler zwischen den Kulturen.

Man meint sie zu kennen: die Dönerbuden und Import-/Exportläden, die Internetshops und die Gemüsehändler. »Unser Bild ist davon geprägt, was wir in den Städten wahrnehmen«, sagt René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung in Mannheim, »aber deswegen haben wir teilweise auch ein falsches Bild.« Hinter der Selbstständigenquote stecke eine sehr heterogene Mischung. Die vielen anderen hinter den Schreibtischen und vor den Computern werden kaum wahrgenommen. Dabei steht ein Generationswechsel an: Gerade viele Jüngere, oft besser qualifizierte, machen sich mit innovativen und wissensintensiven Dienstleistungen selbstständig.

Über Meryem Altuntas wacht Goethe. Die 34-Jährige ist keine Germanistin, aber die Wände ihrer Apotheke in der Münchner Goethestraße sind mit Zitaten des Dichters geschmückt. »Pharmacy« und »Eczane« steht auf Englisch und Türkisch auf dem Schaufenster. Altuntas bedient eine multikulturelle Klientel, die sich zwischen Bahnhof, Hotels und türkischen Supermärkten bewegt. Am Freitagvormittag kommen die älteren türkischen Herren mit ihren Rezepten vorbei, gehen zum Gebet und holen danach ihre Medikamente ab. Altuntas profitiert von ihrer bikulturellen Herkunft. Sie schrieb noch an ihrer Promotion, als sie vom Verkauf einer Apotheke hörte – und schlug zu. Heute, sechs Jahre später, besitzt sie zwei Apotheken, eine Parfümerie und beschäftigt 18 Mitarbeiter. Ihre Eltern, die als Gastarbeiter kamen, sind stolz, dass die Tochter es geschafft hat.

Existenzgründer wie Meryem Altuntas sind noch in der Minderheit. »Der Trend geht weg von den traditionellen Branchen, aber das sind keine Quantensprünge«, sagt René Leicht. Insgesamt gründen Migranten vor allem aus den ehemaligen Anwerberstaaten immer noch zu einem hohen Anteil in den klassischen Branchen Gastronomie und Handel. Jede zehnte Gaststätte in Deutschland gehört einem Italiener. Nicht zuletzt, weil hier der Zugang einfacher ist, denn viele gründen nicht aus Idealismus. »Die Not am Arbeitsmarkt spielt eine große Rolle – je nach Herkunft sind es zwischen 20 und 40 Prozent, die aus der Arbeitslosigkeit heraus gründen«, sagt Leicht. Die Gastarbeiter in den sechziger und siebziger Jahren kamen, weil es zu viel Arbeit in Deutschland gab. Jetzt gibt es zu wenig, also schaffen sie sich ihren Arbeitsplatz selbst. Auch deswegen ist die Quote in den vergangenen 15 Jahren so deutlich gestiegen.

Auch Zemci Catar war arbeitslos. Seine Stelle als Betriebstechniker bei Siemens musste der 40Jährige aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Nach der Reha hat er neu angefangen, sich zum Fachinformatiker ausbilden lassen und danach Bewerbungen geschrieben – nach 300 Stück hat er aufgegeben. Jetzt bietet er in Neukölln Computerschulungen an. Er hat eine 60- bis 70-Stunden-Woche, aber er will seinen Kindern zeigen, »dass es, wenn man unten ist und kämpft, auch wieder nach oben geht«. Er hat gekämpft, auch als die Ämter von ihm als deutschem Staatsbürger eine Aufenthaltsgenehmigung wollten.

Dabei geholfen hat ihm Lok, eine Berliner Gründerberatung, die sich besonders um Migranten kümmert. Fast alle der rund 600 Klienten pro Jahr kommen aus der Arbeitslosigkeit. »Wir sind Mittler zwischen den Jobcentern und den Gründern«, sagt Berater Cetin Sahin, der Catar begleitet hat. »Wir haben ein Gespür dafür, was geht und was nicht«, sagt Sahin. Manchmal müsse er das Tempo rausnehmen und manchmal auch Nein sagen. Besser, als wenn die Gründer nach einem halben Jahr vor dem Nichts stehen. Denn die Fluktuation ist hoch. »Ausländer gründen zwar häufiger als Deutsche, machen aber auch häufiger ihren Betrieb wieder dicht«, sagt René Leicht.

Beratungseinrichtungen wie Lok versuchen das zu verhindern. 75 Prozent der Klienten von Lok sind auch drei Jahre nach der Gründung noch am Markt. Hier können sie sich auch in der Muttersprache informieren, Businesspläne erarbeiten und Fachseminare besuchen.

Eine Studie des Zentrums für Türkeistudien hat ergeben, dass nur vier Prozent der türkischstämmigen Unternehmer auf öffentliche Finanzierungshilfen zurückgegriffen haben. »Fachleute und Berater werden oft erst eingesetzt, wenn es schon brennt«, sagt der Autor der Studie, Yunus Ulusoy. Eine Studie des ifm Mannheim bestätigt das Ergebnis: Bei Gründern, deren Familien aus Griechenland, Italien oder aus der Türkei stammen, hat nicht einmal ein Drittel einen schriftlichen Plan ausgearbeitet. So war es auch bei den Brüdern David und Miguel Perez, als sie ihre Fahrschule in Hamburg eröffnet haben. »Das ist unsere Information«, sagt Miguel und deutet auf das Straßenverkehrsrecht im Regal. Die Brüder hatten beide Arbeit, aber wollten ihr »eigener Chef sein«. Ihre Fahrschule haben sie Mivida – spanisch für »mein Leben« – genannt. »Wir haben das Ding aufgebaut, und dann lief das«, sagt Miguel. Unterstützt hat sie die Familie. Hilfe kommt oft aus sozialen Netzwerken: Ein Freund gibt Tipps, Eltern, Onkels und Tanten das Geld, und wenn es nötig ist, packen sie selbst mit an. Durchschnittlich gehört jeder zweite Beschäftigte von ausländischstämmigen Unternehmern zur Familie, so die Mannheimer Studie. Miguels Frau etwa ist in Personalunion Anmeldung, Buchführung und Sekretariat. »Viele Betriebe könnten nicht überleben ohne die Unterstützung der Familie«, sagt Yunus Ulusoy. Weil Wissen und Vorbildung zu gering, Berührungsängste mit den Behörden aber groß sind.

Auch deswegen gründen Migranten mutiger und schneller. Eine Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik wertet den Mut und die Entscheidungsfreude von Migranten in diesem Bereich sogar als »gruppenspezifische ethnische Ressource«. Vielleicht auch, weil aus ihrer Sicht nicht die ganze Existenz auf dem Spiel steht. »Existenzgründung kann man nicht ins Türkische übersetzen«, sagt Yunus Ulusoy, »man sagt, man gründe ein Geschäft.« Meryem Altuntas stand, zwei Wochen nachdem sie vom Verkauf der Apotheke hörte, hinter dem Tresen: »Ich kenne viele, bei denen es genau wie bei mir war: hopp oder topp. Aber viele können gar nicht anders, weil sie mit der Arbeitslosigkeit nicht umgehen können.«

Bei anderen ist keine Not vorhanden, um aus ihr eine Tugend zu machen: Sie treibt der Wunsch nach Unabhängigkeit. Das eigene Geschäft ist mit einem höheren Prestige verbunden als unter Deutschen. Damit seien Unternehmer aus Einwandererfamilien auch »Vorbilder für junge Menschen«, sagt Maria Böhmer, Ausländerbeauftragte der Bundesregierung. Wer in Deutschland ein Unternehmen gründe, der zeige anderen, dass er in diesem Land seinen Lebensmittelpunkt hat und dass sich das lohnt.

Gülcan Aydin, die gelernte Krankenschwester, lebt Integration nicht nur vor, sie fördert sie auch. In ihrem Pflegezentrum soll es 18 Betten für Deutsche und 18 für Migranten geben. Völkerverständigung zwischen Bettpfanne und Schnabeltasse. Wenn beide Gruppen so eng zusammenleben, so hofft sie, würden »sie verstehen, dass sie zusammengehören«.

Von Sabrina Ebitsch

 

 

Fachkundige Stellungnahme

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